Rotenfels: Der Steinbruch am Eichelberg

Es ist der rote Bundsandstein, der überall im Murgtal an Häusern und Kirchen verbaut wurde. Das ist der Festungssteinbruch am Eichelberg, dessen Steine mit Hilfe einer Pferde-Eisenbahn nach Rastatt transportiert wurden.

Steine für den Festungsbau

 

Fast jedes Dorf hatte früher seinen Steinbruch aus dem es die benötigten Steine für den Hausbau holte. Auch die Steine für Wegekreuze oder Denkmale wurden im örtlichen Steinbruch gebrochen. Dorfkirchen und Kapellen verraten uns woher das Steinmaterial stammt aus dem sie gebaut wurden. In unserer Heimat ist es der Buntsandstein, den man auch für Burgen, Brücken und Kirchen verbaut hat. Man erkennt ihn an seiner typischen rötlichen Farbe.

 

Die Steine stammen aus dem untersten System des Mesozoikums (Erdmittelalter) nämlich aus der Triaszeit. Sie wird geochronologisch einem Zeitraum vor etwa 252 bis etwa 201 Millionen Jahren zugerechnet. Die Trias (Dreiheit) ist ein Sammelbegriff für drei Gesteinsformationen: Bundsandstein, Muschelkalk und Keuper. Während der Trias war es sehr heiß und trocken. Die Polarregionen waren das ganze Jahr über frostfrei und warm. Vor 230 - 215 Millionen Jahren (in der Untertrias) entstanden die Gesteine des Buntsandsteins. Sie bestehen hauptsächlich aus Quarzsandsteinen, die rot und rotbraun gefärbt sind. Teilweise nehmen sie auch Gelb-, Weiß- oder Violett-Töne an. Die markante rotbraune Farbe der Buntsandsteinschichten entsteht durch Eisenoxid bzw. Eisenhydroxiden, welche die Einzelkörner umschließen. Vor etwa 48 Millionen Jahren begann der Oberrheingraben einzubrechen, dadurch wurden die Gesteinsformationen tektonisch umgelagert und ungleichmäßig angehoben. Der mittlere Bundsandstein erreicht bei uns eine Mächtigkeit von bis zu 300 m.

 

Im Staatswald Rotenfels, früher herrschaftlicher Wald, gab es zahlreiche Steinbrüche. Der Mühlsteinbruch wurde bereits im Jahr 1795 betrieben. Hier wurden Steine gebrochen für Schleifsteine und Ölmühlsteine. Es gab einen Winklerbruch, den Steinbruch „Am Laubbronnen“, den Bruch am Mühlrain und den Plattensteinbruch am oberen Weg, den man im Jahr 1826 anlegte und der gegen Gebot in gewissen Zeitabständen immer wieder versteigert wurde. Neben diesem Plattensteinbruch entstand 1842 ein Steinbruch der große Bedeutung erlangte: Der Festungssteinbruch. Er ist ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Mit dem Friedensschluss von Paris wurden die Befreiungskriege gegen Napoleon 1815 beendet. Trotzdem wollte man die Rheingrenze besonders schützen. Am 26. März 1841 entschied sich die Bundesversammlung in Rastatt eine Festung zu bauen. Das dafür benötigte Gesteinsmaterial sollte im Steinbruch am Eichelberg in Rotenfels gebrochen werden. Hier fand man mächtige Bundsandsteinbänke vor. Material das eine günstige Eigenschaft besaß. Es war feinkörnig, feinporig, rötlich bis blass rot gefärbt und es besaß eine gute Spalteigenschaft.

 

Doch es stellte sich eine Frage: Wie sollen die Steine vom Eichelberg aus fast 500 m Höhe nach Rastatt transportiert werden? Es gab noch keine Lastkraftwagen. Die Lösung war eine Eisenbahn die mit Pferdekraft betrieben wurde.

 

Die Pferdeeisenbahn

Die Idee hierzu hatte der österreichische Festungsbaudirektor Eberle. Er ordnete 1843 an, dass für den Transport der Steine eine Eisenbahn für Pferdekraft gebaut werden sollte. Dies geschah auch unverzüglich. Eine abenteuerliche Sache, aber es hat hingehauen. Die Geleise hatten die Spurweite landesüblicher Bauernwagen. Der Wagen wurde in Winkelschienen geführt. Diese waren auf Langschwellen aus halbrundem Eichenholz befestigt. Das Eisen wurde direkt aus England bezogen. Die Bahn ging über eine Länge von fast 15 km vom Fuß des Eichelbergs zunächst durch den Brettweg, Aspachweg und dann die Oberweierer Straße entlang.  Sie führte durch das Lochfeld und den Hardrain auf Gemarkung Kuppenheim und bei Niederbühl über die Murg. Hier teilten sich die Geleise. Ein Abzweig führte zum Niederbühler Tor zu den Baustellen Leopoldsfeste und Oberer Anschluss. Das andere Geleis ging zu der rechts der Murg gelegenen Ludwigsfeste und zum Unteren Anschluss. Die leeren Wagen benutzten für den Rückweg den neben der Trasse gelegenen Fahrweg. Am Eichelberg angekommen ging es dann auf dem Breitensteinweg und dem Sofienhüttenweg bis zur Beladestelle. Um die 400 Kubikmeter Steine wurden so Tag für Tag nach Rastatt auf die Baustellen der Festung verteilt.

 

Am Steinbruch stand eine große Steinhauerhütte, eine Pulverhütte, eine Zeug- und Schirrhütte. Es gab eine Feldschienenbahn vom Steinbruch zur Beladestelle. Auch der große Baumeister des Murgtals, Johann Belzer aus Weisenbach, ließ seine Arbeiter hier Steine brechen. Er hatte von der Großherzoglichen Badischen Baudirektion der Bundesfestung den Auftrag bekommen, in Rastatt das MiIitärhospital zu bauen. Tausende von Menschen hatten im Steinbruch Arbeit gefunden und so wundert es mich nicht, dass auch einer meiner Vorfahren in Rotenfels zu damaliger Zeit als Steinhauer beschäftigt war. Vielleicht sogar im Festungssteinbruch?

 

Mit der Zeit bekam der Eichelberg eine klaffende Wunde, die von der Ebene aus gut sichtbar war. Das Areal des Steinbruches hatte mittlerweile eine Länge von 500 Metern und bis zu 40 Meter hohe Wände. Eine Sensation war es, wenn am Eichelberg gesprengt wurde. Eine vornehme Gesellschaft aus Baden-Baden, darunter Spielbankpächter Benazet wohnten einer solchen Sprengung bei. Sie machten einen Ausflug zum Eichelberg, um dort nach der Sprengung ein Festmahl einzunehmen. Sie dürften wohl festgestellt haben, dass es Menschen gibt, die körperlich richtig hart arbeiten müssen.

 

Der Steinbruch heute:

Der letzte Pächter bezahlte für einen Teil des Steinbruchs jährlich eine Pacht von 400 Mark. 1952 wurden noch Gestück- und Schottersteine abgebaut. Seit August 1956 ist der Steinbruch geschlossen. Ruhig ist es geworden am Eichelberg. Die Natur hat den Steinbruch zurückerobert. Der Sophienhüttenweg führt direkt zur Hütte die an der Abraumhalde des Steinbruchs liegt. Hier wurde nicht verwertbares Material aufgeschüttet. Weg und Hütte wurden nach der Kurfürstin Sophie genannt. Hier beim Grillplatz beginnt auch der Festungssteinbruch.

 

Um das ganze Ausmaß des ehemaligen Steinbruchs zu erfassen, muss man eine kleine Anhöhe überwinden. Dies geschieht auf eigene Gefahr. Erst hier am Fuß der Felsenwand ist die unnatürliche Aushöhlung des Berges zu erkennen. Und es nimmt kein Ende. Über Hecken, umgestürzte Bäume, Dornen und Steine hinweg zieht sich der Steinbruch fast um den gesamten Berg. Hoch oben auf einem Vorsprung hat ein Greifvogel sein Nest gebaut. Spechte klopfen an Bäumen und suchen Futter. Ansonsten ist es hier fast unheimlich still. Am vorderen Teil des Steinbruchs waren die Steine noch rötlich. Jetzt nehmen sie eine dunklere Farbe an. Ein Zeichen, dass vorne noch länger abgebaut wurde. Büsche und Bäume bedecken teilweise das Gestein. Noch im Gelände erkennbar, Spuren eines Weges auf dem man zurück zum Grillplatz gelangen kann. Jetzt möchte man natürlich noch wissen wo die Pferdeeisenbahn verlaufen ist. An der Sophienhütte angekommen, nimmt man den Weg der links nach unten führt. Nach ca. 150 Meter führt eine schnurgerade Spur links vom Weg ab nach unten durch den Wald. Auf der rechten Seite sieht man die Überreste einer Rampe. Erkennbar, an den akkurat aufgesetzten Steinen. Auch in Bischweier lässt sich die Trasse dieser Pferdeeisenbahn im Gelände noch gut erkennen.

 

Die Fantasie reicht nicht aus, um sich hier am Steinbruch den täglichen Arbeitsablauf vorzustellen.12 Stunden harte und stets lebensgefährliche Arbeit für einen Gulden als Lohn. Die Schuttbuben erhielten 30 Kreuzer pro Tag. Oft trugen Frauen und Mädchen das bescheidene Mittagessen auf dem Kopf in den Steinbruch. Laut muss es gewesen sein. Man spricht von bis zu 8 000 Menschen die hier gearbeitet haben sollen. Was mag hier an Schweiß geflossen sein? Welch schreckliche Unfälle hat es hier gegeben? Den einen oder anderen Steinhauer wird man wohl nicht mehr lebend auf einer Trage nach Rotenfels gebracht haben.

 

Die Natur ist schnell wenn es heißt Wunden zu schließen. Was immer bleiben wird, sind die hohen Abbruchwände des Steinbruchs. Doch genau davor breiten sich bereits Bäume und Hecken aus. Irgendwann gerät der Steinbruch in Vergessenheit.


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