Gaggenau-Hörden: Die Murgtalstraße

Der Hördelstein erzählt von seiner mehrmaligen Versetzung aufgrund des Ausbaues der Straße in das Murgtal.

Vom Saumpfad zur Panoramastraße

 

Die Besiedelung unseres Landkreises erfolgte zuerst entlang des Rheins und der Vorbergzone. Hier waren sie alle, die Kelten, Römer und Germanen. Zahlreiche Spuren in der Rheinebene erzählen davon. Aber eine gemeinsame Furcht hatten sie. Das undurchdringliche Waldgebiet das hinter der Vorbergzone lag. Die Römer gründeten 70 n. Christus die heutige Stadt Baden-Baden und legten auch eine Heerstraße entlang der Niederterrasse an.

 

Dort wo Rotenfels liegt, stand in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts ein größeres Hofgut. Es gelangte im Jahr 1041 durch Kaiser Heinrich III. an das Speyerer Domstift. Die Kirche in Rotenfels galt als die Mutterkirche des Murgtales. Hilfspriester aus Speyer predigten in Rotenfels und die Menschen aus dem Murgtal mussten zum Kirchgang nach Rotenfels und die neugeborenen Kinder nach Rotenfels zur Taufe getragen werden. Hirten und Herden traten die ersten „Gängerle“ wie man vor Zeiten einen Wildpfad nannte. Gernsbach lag zur Zeit der Erschließung am „Ende“, einfach durch die geologisch bedingte Abschnürung. Landsknechte der streitlustigen Ebersteiner, Postreiter, Vieh- und Salzhändler und Bauern mit ihren Fuhrwagen verlangten einen Fahr- und Karrenweg. Recht und schlecht nach der damaligen Straßenbautechnik entstand dann eine fahrbare, aber gefährliche Verbindung durch das Murgtal, reich mit Fuhrmannsflüchen gepflastert.

 

Lagen Rotenfels und Gaggenau noch bequem in der Ebene, so zeigte sich in Ottenau am Hördelstein das erste Problem wenn man weiter in das Murgtal gelangen wollte. Hier galt es den gefürchteten Hördelstein zu überwinden. Diesen Felsen konnte man mit einem Fuhrwerk nur mit Vorspann und auf der anderen Seite mit Sperre und Kette überwinden. Hinter dem Hördelstein senkte sich der Fahrweg zur Murg hinab und führte über die Weinau auf dem linken Ufer der Murg nach Gernsbach hinein. Hinter Gernsbach waren die einzelnen Dörfer und Gehöfte nur auf engen Saumpfaden erreichbar. Die Pfade führten mal rechts und mal links der Murg entlang und von da an in die Höhe. Teilweise war die Strecke in das Murgtal noch mit Ochsenkarren befahrbar. Dort wo das nicht möglich war, schleppte man die Ware mit der „Krätze“ oder dem „Rückkorb“ (einem Korb, der auf dem Rücken getragen wurde) mühselig bei. In den Dörfern oberhalb der Murg entstanden Wege auf denen man das Vieh in die Waldungen trieb. Es war ein einsames und hartes Leben im hinteren Murgtal.

 

Schon im Jahr 1767 gab es Pläne eine Straße von Gernsbach bis zur Landesgrenze anlegen zu lassen. Landvogt und Oberamtmann Carl von Lassolaye empfahl der Badischen Regierung des Mittelrheinkreises einen Neubau der Straße in das Murgtal. 1784 wurde der „Bau einer Kommunikationsstraße in Angriff genommen. Talaufwärts bestand nach wie vor nur ein gekrümmter schmaler Weg auf der linken Seite des Flusses. Dies änderte sich von 1789 bis 1795, indem man dort eine Fahrstraße anlegte. Im Jahr 1786 war die Fahrstraße bis Forbach fertiggestellt. Auch Freiherr von Drais wusste in seiner Beschreibung „Geschichte der Regierung von Baden“ davon zu berichten. Da wurde die Murg hinauf, wo der Granitfels ansteht, das Tal für die Straße nach Forbach, dem letzten badischen Pfarrdorf, ausgeräumt; und eben diese Straße zieht nun an allen Krümmungen des Flusses entlang. Felsen wurden  herausgesprengt, losgerissene Felsstücke werden als Mauern an das Flußbett gelegt. Adolf

Arnold hat 1830 in seinen „Wanderungen im Schwarzwald“ die Murgtalstraße so beschrieben: Von Weisenbach erhebt sich die Straße allmählich; von einer grünen Anhöhe jenseits der Murg schaut ein kleiner Weiler, Aue genannt, anmutig herab. Die Granitfelsen, welche sich zwischen Hilpertsau und Weisenbach von der Straße zurückgezogen zu haben scheinen, kommen wieder mehr zu Tage, und einer derselben erhebt sich senkrecht aus dem Straßengraben und zeigt in seiner Mitte die Jahreszahl 1828. Von meinem Führer erfuhr ich, daß dieser Fels in jedem Jahre, behufs der Erweiterung der Straße gesprengt worden. In schwindelnder Tiefe rauscht unten die Murg. Die Gegend wird wilder und rauher. Von dem Weinstocke, den Wallnuß- und Kastanienbäumen kann der Wanderer nun Abschied nehmen. Die Gegend um Forbach ist bei weitem die wildeste im ganzen Murgthale, besonders bis zur Grenze zwischen Baden und Württemberg. Die Straße zieht sich auf dem linken Ufer der Murg bergan und dann in den Wald hinein. In der Tiefe braust und schäumt die Murg über zahllose Felstrümmer, welche in ihrem Bette liegen und dem Wanderer einen kleinen Begriff von den hier stattgehabten Erdrevolutionen geben. Es hat den Anschein, als habe erst gestern der tobende Strom sich durch die ihm den Weg versperrenden Felsen und Berge seine Bahn gebrochen, so wüthend stürzt er über die Felszacken aus dem Walde hervor. Arnold hat diese Reise von Bischweier bis Schönmünzach gemacht. Wirklich stark beeindruckt hat ihn das hintere Murgtal.

 

Mittlerweile hatten auch die Kurgäste aus Baden-Baden das Murgtal für Ausflüge entdeckt. Die Fahrt ins Murgtal war äußerst beliebt und man genoss diese wilde Landschaft. Jedes Hotel in Baden-Baden pries diesen Ausflug als abenteuerliche und romantische Fahrt  an.

 

Die neue Murgtalstraße

Bestimmten Generationen ist die alte Murgtalstraße aus der Jugendzeit von Sonntagsausflügen an die Schwarzenbach-Talstelle noch gut in Erinnerung. Stellenweise konnte es einem schon etwas mulmig werden und trotzdem war das immer eine aufregende Geschichte die Fahrt in das hintere Murgtal. Bei Au im Murgtal ging es links hoch und die Fahrt wurde von da an zum Abenteuer. Rechts der Fahrbahn standen Begrenzungssteine. Hinter diesen Steinen fiel das Gelände steil ab in die Murgschlucht. Durch die engen und kurvenreichen Ortsdurchfahrten von Gausbach und Langenbrand quälte sich der gesamte Verkehr. Eine hohe Lärmbelastung für den Ort und vor allen Dingen auch eine hohe Abgasbelastung für die direkten Anwohner an dieser Straße. Der Schwerlastverkehr hinterließ Spuren an der Straßendecke und verursachte Risse an den Hauswänden. Ganz zu schweigen von den spektakulären Unfällen die häufig passierten. Der gesamte Verkehr zwischen Rastatt, dem oberen Murgtal und Freudenstadt wickelte sich hier ab. Obwohl der Verkehr sich 1950 noch in Grenzen hielt, musste man einfach an die Zukunft denken. Die Breite der Straße war nach den Fuhrwerken berechnet und der Zweckmäßigkeit. 1950 galt der Besitz eines Pkw’s noch als etwas Besonderes und war allgemein noch nicht zu bezahlen. Was man Anfang der 50er Jahren oft auf den Straßen sah waren Zweiräder wie das NSU-Quickly oder die Kreidler Florett. Mit dem Wirtschaftaufschwung änderte sich das ganz schnell. Eine interessante Zählung liegt aus dem Jahr 1953 vor, die an einem Sonntag von 17.40 Uhr bis 18.40 Uhr vorgenommen wurde. Innerhalb dieser Stunde passierten die Murgtalstraße hinter Gaggenau 451 Kraftfahrer und 155 Radfahrer. Im Jahr 1958 waren mehr Pkw als Motorräder in Baden-Württemberg zugelassen. Die Familie wurde am Sonntag mit dem VW-Käfer oder dem Opel Kapitän zum Ausflug in das Murgtal gefahren. Der Verkehr auf der alten Murgtalstraße nahm stetig zu. Es war der einzige Verbindungsweg zwischen der Rheinebene und dem Freudenstädter Raum. Immer mehr Lkw’s, Busse und Berufspendler teilten sich diese enge Straße mit ihren Felsüberhängen, Durchbrüchen und Tunnels. Hier musste dringend etwas geschehen. Der Anfang begann als die Murgtalstraße am 1. Januar 1962 zur Bundesstraße B 462 aufgestuft wurde.

 

Jetzt galt es eine große Aufgabe zu bewältigen. 40 km Fahrstrecke mit allerlei Hindernissen mussten bewältigt werden. Da waren Felsen im Weg, tiefe Taleinschnitte oder enge Ortsdurchfahrten. 20 % der Murgtalstrecke hatte eine Straßenbreite von mehr als sieben Meter. Die restlichen 80 % lagen unter fünf Metern. Die Kraftfahrzeugdichte hatte bei Zählungen von 1937 bis 1953 um mehr als 100 Hundert Prozent zugenommen. Auf Teilstrecken sogar 300 Prozent. Die Strecke von Rastatt bis Raumünzach musste dringend ausgebaut werden. Erste Pläne sahen eine Bauzeit von sieben Jahren vor. Man sprach von Baukosten in Höhe von 14 Millionen Mark, aber da täuschte man sich gewaltig.

 

Die ersten sieben Kilometer von der Autobahn bis zur Schmelzer Brücke in Rotenfels (1956/57 gebaut) kostete allein schon fast die Hälfte der geplanten Summe. Die Strecke war fertig und fast schon überholt durch den steigenden Kraftfahrzeugbestand. Es gab Probleme wegen des Rotenfelser Kurgeländes und die Baukosten stiegen rapide an. Am Amalienberg mussten rund eine halbe Million Kubikmeter Steine und Erde bewegt werden. Am 29. April 1963 waren 14 Kilometer der Murgtalstrecke geschafft. In Anwesenheit von Regierungspräsident Anton Dichtel, Baudirektor Lämmlein, Oberbaurat Hambrecht, Landrat Dr. Burkhard und den Bürgermeistern Schöpfer und Hollerbach wurde die Strecke Rotenfels – Gaggenau – Hörden feierlich dem Verkehr übergeben. Reden wurden gehalten und ein schwarz-rot-goldenes Band durchschnitten. Man sprach von großer Freiheit für die Autofahrer und von einer gelungenen Panoramastraße. Man war sich aber durchaus bewusst, dass das hintere Murgtal ganz neue Herausforderungen an den Bau einer Straße stellte. Von 1963 bis 1977 änderte sich der Zustand der Straße in Etappen. Streckenabschnitte wurden breiter und die gefürchteten Engstellen verschwanden.

 

Nach einem weiteren Ausbau der Strecke und der Umfahrung des Ortes Langenbrand kam dann der 13.09.1977. Dieser Tag war für Gausbach ein Volksfesttag. Eine elegante, schlanke und schöne Brücke sollte ab sofort den Durchgangsverkehr nach Forbach bringen. In einem langgestreckten Bogen von 700 Metern führt die Brücke über eine Bergnase und überquert zweimal die Murgschlucht. Bereits im Herbst 1973 hatte man mit der Umgehung Gausbachs begonnen. Am Brückenbau wurde seit September 1975 gearbeitet. Die Brücke wurde im Taktschiebeverfahren hergestellt. Sagenhafte 382 Meter führten über jedes Hindernis hinweg und 12 Meter Breite ließen dem Verkehr viel Platz. Die Kosten der Brücke beliefen sich auf fünf Millionen DM. Mit der Umgehung der Gemeinde Gausbach entstanden Kosten in Höhe von 10 Millionen DM. Als alle maßgeblich am Brückenbau beteiligten Personen ihre Reden gehalten hatten, wurde ein gelb-schwarzes Band durchschnitten und zusammen mit der Gausbacher Musik-Kapelle wurde die Brücke zu Fuß erobert. Am späten Abend rollte dann schon der Verkehr darüber.

 

Die Erinnerung an die alte Straße bleibt. Die Reste liegen heute einsam am felsigen Hang. Spaziergänger und Radfahrer benutzen sie noch und Kletterer haben die Felsen für sich entdeckt. Auch heute ist die breit ausgebaute Murgtalstraße eine Panoramastraße, denn links und rechts von ihr sehen wir die traumhafte Landschaft des Murgtales mit seinen Seitentälchen, hohen Bergrücken, kleinen Dörfern und immer wieder Wald. Freiherr von Drais nannte das hintere Murgtal die kleine Schweiz. Dieser Aussage kann man eigentlich nur zustimmen.

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