Wintersdorf und sein Rheinstrandbad

Wintersdorfer Brücke nach der Sprengung

Rhein-Strandbad Wintersdorf-Iffezheim

 

„Wintersdorf, eine Landgemeinde von 1100 Einwohnern, liegt an der früher strategischen Bahnlinie Röschwog. Die Gemeinde Wintersdorf hat zweifellos große Zukunftsmöglichkeiten, die sich verwirklichen werden, sobald die Grenze nach Frankreich aufgeht“. So beginnt die Sonder-Beilage des Rastatter Tagblatts zur Eröffnung des Rhein-Strandbades am Sonntag, dem 20 Juli 1930. Weiter wird berichtet, dass sich seit einigen Jahren zwei Kilometer von der Gemeinde entfernt unmittelbar bei der Eisenbahnbrücke ein Strandbad befindet, dass immer mehr Sommerfrischler anzieht.  Von Jahr zu Jahr stieg die Besucherzahl und an manchen Sonntagen fühlten sich hier tausende Menschen wohl. Die Besucher kamen überwiegend aus den Städten Baden-Baden und Rastatt. Hier konnte man schwimmen, sich sportlich betätigen oder unter dem Schatten der Pappeln einfach die Natur genießen. Getränke und Essen wurden mitgebracht und zum Wechsel der nassen Badekleidung verschwand man kurz im Gebüsch.

 

Der Wintersdorfer Bürgermeister Johann Ruckenbrod bemerkte sehr wohl, dass es immer mehr Menschen in den Sommermonaten hinaus an den Rhein zum Strandbad zog. Er hatte eine clevere Geschäftsidee. Bereits seit Mitte 1920 reifte in ihm der Entschluss, für die Menschen ein Strandhotel mit Badekabinen zu bauen und eine Liegewiese anzulegen. Ein geeignetes Areal hatte er auf Iffezheimer Gemarkung ausgemacht. Als sein Vorhaben bekannt wurde, war das Geschrei groß. Die ortsansässigen Wirte sahen ihren Verdienst geschmälert falls das Bezirksamt den Plänen zustimmte. Der Ortspfarrer sah darin eine moralische und sittliche Gefahr für die Jugend von Iffezheim. Das allein war es noch nicht. Es ging auch um das Gelände auf dem das Strandhotel gebaut werden sollte. Es gehörte früher der Gemeinde Beinheim und war nach dem Friedensschluss an den badischen Staat gefallen. Wintersdorf wie Iffezheim wollte dieses Gelände haben. Nach langen Verhandlungen wurde es der Gemarkung Iffezheim zugeteilt. Pächterin dieses Landstriches am Rhein war aber die Gemeinde Wintersdorf und blieb es auch nach dieser Entscheidung. Ruckenbrod war zäh und hartnäckig. Schließlich konnte er 4 000 qm Grund und Boden vom Staat erwerben. Genug Platz für sein Vorhaben ein Strandhotel dem Rhein-Strandbad anzufügen. Abgesegnet werden musste der Plan von verschiedenen Einrichtungen. Das Domänenamt war beteiligt, das Forstamt, das Rheinbauamt Offenburg, das Ministerium des Innern, das Bezirksamt und der Bezirksrat. Das Bezirksamt Rastatt und an seiner Spitze Landrat Tritscheler waren von den Plänen von Anfang an überzeugt und hatten Rückenbrod in jeder Hinsicht unterstützt.

 

Nach Genehmigung des Bauvorhabens übernahm die verantwortliche Bauleitung der bekannte Architekt Karl Götz aus Karlsruhe. Was dabei herauskam, konnte sich sehen lassen. Das Gebäude wurde passend in die Landschaft eingefügt. Die Fassade war in silbergrün gehalten und das Gebäude hatte ein Flachdach. Wegen der Hochwassergefahr stand das Haus auf 20 Eisenbetonpfeilern und somit drei Meter über dem Boden. Zwischen den Pfeilern wurde der Raum sinnvoll genutzt. Hier waren Umkleidekabinen untergebracht, natürlich getrennt nach Geschlechtern. Es gab einen großen Unterstellraum für Paddelboote, Fahrräder, Motorräder und Kraftwagen. Bei eintretendem Hochwasser konnte das Holzwerk ausgehängt werden und das Wasser  ungehindert unter dem Haus  durchfließen. Im ersten Stock gab es einen Wirtschaftsraum, ein Nebenzimmer, eine Küche und Aborte mit Wasserspülung. Breite große Fenster und eine umlaufende Veranda sorgten für ungetrübten Blick auf das Strandbad. Im zweiten Stock befanden sich die Wohnung des Bauherrn, sowie einige Fremdenzimmer, von denen zwei über eine große Terrasse verbunden waren.

 

Ruckenbrods Pläne gingen auf. Das Strandhotel wurde zum beliebten Treffpunkte für Sommerfrischler. Wer die Strecke zum Strandbad nicht mit dem Fahrrad zurücklegen wollte, fuhr mit dem Dampftriebwagen der Mittelbadischen Eisenbahn AG von Rastatt bis zur Rheinbrücke. Im Volksmund wurde die Schmalspurbahn „Entenköpfer“ genannt, da sich Kollisionen mit dem frei laufenden Federvieh oftmals nicht verhindern ließen.

 

Im Jahr 1933 übernahm der Sohn Otto das Anwesen. Ab 1934 veranstaltete er an den Sonn- und Feiertagen sogar Tanzveranstaltungen. Anfang 1939 war dem Spiel, Spaß und Sport im Rheinstrandbad das Ende angesagt. Die politische Stimmung im Land hatte sich gewandelt. Das Rheinstrandhotel wurde gesprengt. Der Bau von Westwallbunkern hatte Vorrang. Das Ufer wurde zur Verteidi-gungslinie.

 

Einige Jahre nach dem Krieg, genau am 15. Mai 1952, beantragte August Leuchtner  „an der gleichen Stelle an der zum Rhein gelegenen Straße eine Erfrischungshalle eröffnen zu dürfen“. Er begründete das Vorhaben mit dem „enormen Auto- und Autobusverkehr“. Die Gemeinde befürwortete das Gesuch mit der Begründung, „dass an Wochenenden bis zu 500 Personen der arbeitenden Bevölkerung an den Rheinstrand kämen, um hier Entspannung zu suchen“. 1955 erhält Edgar Leuchtner, der Sohn, die Erlaubnis auch Wein und Spirituosen auszuschenken. Seiner kleinen Wirtschaft am Rhein hatte er den Namen „Fahreck“ gegeben. Im Laufe der nächsten Jahre versuchten nun verschiedene Pächter ihr Glück. Die Zeiten, als es fast schon fast als mondän galt, das Rheinstrandbad  aufzusuchen waren lange vorbei. An diesen Erfolg konnte nicht mehr angeknüpft werden.

 

1973 wurde das Gasthaus „Fahreck“ abgebrochen, da es dem Ausbau der Staustufe Iffezheim im Wege stand.


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