Au am Rhein der Holzschuhmacher

In der Werkstatt des letzten Holzschuhmachers in Au am Rhein. So sehen Rohlinge aus.

Pappeln an der Schuhe wachsen

 

Au am Rhein und das fast vergessene Handwerk des Holzschuhmachers

Wenn wir heute Schuhe brauchen, gehen wir in ein Schuhgeschäft. Wir suchen das Regal mit der richtigen Schuhgröße und stehen vor einer Auswahl die fast schon zum Problem werden kann.  Ballerinas, Slippers, Pumps oder elegante High Heels. Die machen größer und lassen das Bein schlanker wirken. Manchmal fällt die Entscheidung dann doch schwer.  

 

Diese Sorgen hatten unsere Vorfahren nicht. Lederschuhe waren Luxus, die man sich in einer überwiegend von Landwirtschaft geprägten Gemeinde kaum leisten konnte. Für Kinder, deren Füße noch nicht ausgewachsen waren, schon gar nicht. Was blieb, war der Holzschuh. Er war nicht elegant, aber das war auch nicht gefragt. Er war zweckmäßig, die Füße blieben trocken, er gab warm und ließ sich leicht reinigen. Spätestens im Herbst, wenn sich der erste Nebel über die Felder legte, war der Besuch beim Holzschuhmacher angesagt. Barfußlaufen ging jetzt nicht mehr.

 

Au am Rhein war die Hochburg der Holzschuhmacher. Im Jahr 1933 gab es im Ort noch 22 Holzschuhmacher. 1964 nur noch drei, die diesem alten Handwerk nachgingen. Einer unter ihnen war der 2001verstorbene Alwis Kraus. Er wurde 1908 geboren und erlernte das Handwerk von seinem Vater Severin, der 1867 in Au geboren wurde. Dessen Vater Fridolin Kraus war bereits auch als Holz-

schuhmacher in Au tätig. Bis in das Jahr 1830 reicht die Tradition dieses Handwerks in der Familie zurück. Alwis Kraus war Holzschuhmachermeister, durfte also auch ausbilden. In der kleinen um 1900 erbauten Werkstatt waren bis zu vier Mann damit beschäftigt, Holzschuhe herzustellen. Die fertige Ware ging auf Märkte, in die umliegenden Dörfer, aber auch in Stuttgart und Ludwigshafen waren die Holzschuhe aus der Werkstatt Kraus gefragt. Die Industrialisierung und die rasche Verbreitung des Gummistiefels ließen die Auftragslage von Holz-

schuhmacher Kraus schwinden. Seine Kundschaft bestand jetzt aus Trachten- und Faschingsgruppen. Auch für Dekorationszwecke wurden sie gekauft. Die von Alwis Frau Katharina bemalten Holzschuhe machten sich gut auf der Fensterbank und jedes bemalte Stück war ein Unikat.

 

Hauptberuflich arbeitete Alwis Kraus bis 1965 mit zwei Gesellen an der Herstellung von Holzschuhen. Dann wurde der Löffelbohrer nur noch ab und zu eingesetzt. Er  widmete sich wieder  intensiver der Landwirtschaft, denn auch diese hat ihn von Kind an begleitet.  Es gab Zeiten, da hatte Familie Kraus 15 Stück Großvieh, Schweine, 1 Pferd, Hühner und Gänse zu versorgen. Um ihre Gänse kümmerte sich Katharina Kraus jeden Morgen persönlich. Die sollten auf eine Wiese weiter unten im Dorf. Wie Michael Kraus berichtete taten sie das selbst. Sie starteten in der Neuburgweierer Straße und bis seine Mutter am Grundstück angekommen war, waren sie bereits gelandet.

 

Wie entsteht ein Holzschuh, der bei den Auern „Schniffele“ hieß?

 

Michael Kraus hat einen anderen Beruf gewählt, aber die Arbeitsschritte zur Herstellung eines Holzschuhs kennt er noch ganz genau. Ein Besuch in der ehemaligen Werkstatt von Alwis Kraus ist sehr beeindruckend. Es ist, als ob der Meister gleich um die Ecke kommt und sich an die Arbeit begeben würde. Nur der Staub der Jahre zeigt, dass hier etwas vor sich hindämmert, was eigentlich für die Nachwelt erhalten werden sollte. Die Kopierfräße, deren Motor aus den Dortmunder Motorenwerken Ende der 30er Jahre stammte, könnte wieder zum Leben erweckt werden. In der Bohrbank finden sich Holzschnipsel, als ob hier gerade noch jemand gearbeitet hätte. Und doch liegt über allem ein Hauch von Vergangenheit und wird in wenigen Jahren ganz in Vergessenheit geraten sein. 

Michael Kraus berichtet, dass er in jungen Jahren mit dem Vater oft in die Auenwälder gefahren ist, um dort Pappeln oder Weiden zu schlagen. Das war Stammholz, das von der Gemeinde zugewiesen wurde. Mit einer Winde wurden die oft bis zu zwölf Meter langen Stämme auf einen Hänger geladen und mit dem Traktor zum Platz vor der Werkstatt transportiert.

 

Das im Frühjahr geschlagene Holz konnte bereits im Spätjahr verarbeitet werden. Von den Stämmen wurden Klötze abgesägt und auf einem in der Werkstatt stehenden Holzklotz mit einem Wagnerbeil in eine grobe Form geschlagen. Das Holzstück wurde in die Kopierfräse eingespannt und der Schuh erhielt seine Rohform. Dann wurde auf der Maschine umgespannt. Auf der einen Seite befand sich das eingespannte Modell, der sogenannte „Schlappe“ und auf der anderen Seite der Rohling. Dieser wurde nun mittels eines Löffelbohrers ausgefräst und der Schuh hatte dann das passende Fußbett. Nun begann die Feinarbeit. Der Rohling wurde auf die Bohrbank gespannt. Das Stoßeisen kam zum Einsatz und das Zuschnittsmesser lieferte die passende Sohle. Hatte der Schuh seine endgültige Form, kam er für rund 12 Stunden in den Rauchofen, die Dorre genannt wurde. Hier bekam der Schuh seine gelbliche Farbe, trocknete und wurde leicht an Gewicht. Zum Heizen wurden die Abfallspäne benutzt, die bei der Arbeit am Holzschuh anfielen. Es kam schon vor, dass der eine oder andere Schuh darin Feuer fing und unbrauchbar wurde. Die Hitze in der Dorre war nicht so einfach zu regulieren.

 

Der letzte Schliff am Schuh war das Lederband, das über der Schuhzunge angebracht wurde und ein Plüschstreifen, damit der Schuh einen besseren Halt bot. Diese Arbeit wurde meistens von Alwis Frau Katharina und den Kindern erledigt. Sie verstand es auch, den Schuhen den farblichen Schliff zu geben. Ganz so unscheinbar war mancher Holzschuh nicht. Es wurde auch mal der Wunsch geäußert, hübsche Ornamente nach dem Vorbild der Holländer darauf anzubringen. Hier war Alwis Frau gefragt. Sie verzierte die Schuhe mit geschickter Hand.

 

Holzschuhe wurden immer eine Nummer größer bestellt als der Fuß war. Der Grund hierfür war, dass noch ein sogenannter „Stoffstreffer“ darin getragen wurde. Die Schuhe waren in fast jedem Haushalt in Au am Rhein anzutreffen. Ohne Holzschuhe ging man nicht in den Garten. Das klappernde Geräusch gehörte zum täglichen Dorfbild. Ging der Bauer auf ein Bier zu „Rosewirts“ (Gasthaus „zur Rose“ – gibt es heute nicht mehr), so wurde der Holzschuh auf der Staffel ausgezogen und in den „Stoffstreffern“ ging man in die Wirtschaft. Vorrübergehende konnten so immer abzählen wie viele Gäste am Stammtisch saßen.

 

Das Handwerk des Holzschuhmachers ist in unseren Gefilden ausgestorben. Ein Erlebnis ist es, wenn eine Trachtengruppe alte Tradition pflegt und in Holzschuhen auftritt. Dann bebt die Bühne.

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