Steinmauern und die Flößerei

Welch ein Schauspiel! Eine Schwallung wurde geöffnet und das Holz schießt durch den Bach.

Steinmauern und die Flößerei – eines der interessantesten Kapitel unserer Wirtschafts- und Kulturgeschichte

 

Um über die Geschichte der Flößerei zu erzählen müssen wir im hinteren Murgtal damit beginnen. Die in Gernsbach ansässige Murgschifferschaft war eine seit dem späten Mittelalter bestehende Holzhandelsgesellschaft. Seit dem 13. Jahrhundert bedeutete der Holzhandel neben dem Weinbau und der Viehzucht eine wichtige Erwerbsquelle der Bewohner im Murgtal. Rechte und Pflichten der Mitglieder der Murgschifferschaft wurden im Jahr 1488 in einer „Ordnung des gemeynen Holtzgewerbs im Murgtall“ geregelt. Am Anfang wurden die Murgschiffer mit Waldnutzungsrechten durch die Markgrafen von Baden belehnt. Ende des 15. Jahrhunderts begannen sie eigenen Grundbesitz zu erwerben. Die Schulden der Herren von Eberstein und der Markgrafen von Baden verhalfen ihnen dazu. Philipp II von Eberstein verkaufte 1569 an die Murgschiffer seine Sägemühlen und seinen Waldbesitz, um seine Schulden zu begleichen. Auch der Umbau des Neuen Schlosses von Baden-Baden wurde durch verkaufte Waldflächen finanziert.

 

„Das Volck so bey der Kyntzig wonet, besunder umb Wolfach, ernehrete sich mit den großen bauwhöltzern, die sie durch das wasser Kyntzig gegen Straßburg in den Rhein flötzen und groß gelt jährlichen erobern. Desgleichen thuen die von Gernspach unnd andere flecken, die an der Murg gelegen seind, die daz bauwholtz durch die Murg an den Rhein bringen“. So schrieb es Sebastian Münster in seiner Cosmograpia universalis, einem geographische Werk, das von 1540 bis 1580 in nicht weniger als 46 Auflagen erschienen ist.

 

Bevor das Holz in der Murg und von da in den Rhein gelangen konnte, verrichteten die Holzfäller ihre beschwerliche und gefährliche Arbeit. War das Holz gefällt, wurde es vermessen, eingeteilt und abgezählt. Nun musste es noch aus dem Wald ins Tal gebracht werden zum weiteren Transport. Im flacheren Gelände setze man dafür Zugvieh ein, um das Holz auf den Weg zu schleifen. Dann gab es noch zwei weitere Möglichkeiten. Das Holz über steile Hänge und Felsen abzuseilen, oder in sogenannten Rießen, von Stangenholz gefertigten Kanälen, zum Sammelplatz vor die Schwallung zu bringen. Bei jeder Schwallung stand eine Holzhütte, die dem Aufseher als Unterkunft diente. Die Schilderung was geschah, wenn eine solche Schwallung geöffnet wurde überlassen wir Oberforstrat Karl Friedrich Viktor Jägerschmid, der dies in seinem im Jahr 1800 erschienen Buch „Das Murgthal besonders in Hinsicht auf Naturgeschichte und Statistik“ so facettenreich geschildert hat: „Nie werde ich jene Stunden vergessen, die ich bisweilen hier zubrachte, nie wird meiner Vorstellungskraft der Anblik verlöschen, an dem sie sich einigemal bei dieser Schwellung, als sie geöffnet wurde, unterhielt“. An anderer Stelle: „Kaum war aber die Pforte der Schwellung geöfnet, so hob die Gewalt des fürchterlich schäumenden Wassers wogend jenen kleinen Holzberg und zertrümmerte ihn unter dem fürchterlichsten Getöse in die einzelnen Theile, woraus er bestand. Tobend zerstäubte die Fluth, und in dikem Nebel sammelte sie sich wieder“.

 

Waren die Stämme in der Talsohle angekommen, wurden sie am Einbindplatz mit Floßwieden zusammengebunden und zwar 6 bis 12 Stämme nebeneinander. Diese Gestöre wurden aneinandergereiht, festgebunden und bildeten ein Floß. Das angestaute Wasser am Einbindplatz sorgte dafür, dass das Floß rasch Fahrt aufnahm. Dann ging es die Murg hinunter. Unterhalb von Rotenfels gab es für die Weiterfahrt zwei Möglichkeiten. Führte die Murg genügend Wasser sollten die Flöße auf der Murg weiter befördert werden und so ohne Verzug Steinmauern erreichen. War der Wasserstand der Murg zu niedrig, bot sich eine Fahrt durch den im Jahr 1828 erbauten Gewerbekanal an. Hier war die Blanksche Mühle zu passieren. Die Durchfahrt war auf die Tageszeit von 7.00 Uhr bis 10.00 Uhr beschränkt. Oftmals wartete hier eine lange Kolonne von Flößen auf die Öffnung der Mühlschleuse. Die Durchfahrt galt als gefährlich. War die Zeit gekommen, wurde das Seil mit dem das Floß angebunden war mit einem scharfen Hieb durchtrennt und es ging in sausender Fahrt durch den engen Kanal.

 

Im Durchschnitt befanden sich auf einem Floß 12 Mann und alle waren heilfroh unbeschadet in Steinmauern angekommen zu sein. Hier in der Mündung der Murg und im ruhigen Altrheinwasser wurden die Flöße zu großen Rheinflößen mit Wieden, Ketten und Klammern zusammengekoppelt. Die Rheinflößer übernahmen nun den weiteren Transport, der sie oftmals bis nach Holland brachte. In der Heimat galten die Flößer als Herren und so traten sie dann auch auf. Am Wams der Flößertracht schillerten Perlmuttknöpfe. glitzerten Silberketten und Schnallen. Sie trugen unförmige Stiefel, deren Schäfte hochgezogen waren. Auf dem Kopf saß ein breiter schattengebender Spitzhut und darunter kamen meist die Tabakswolken hervor. Große, kräftige Kerle waren die Flößer mit vom Wetter gegerbter Haut. Sie wurden ihres Mutes wegen allgemein bewundert und waren gern gesehene Gäste in den Wirtshäusern. Sie brachten Nachrichten aus dem In- und Ausland mit, erzählten von ihren Abenteuern auf der Reise und erreichten, dass manche Lebensbräuche und Gewohnheiten auch bei uns Einzug hielten.

 

Im Jahr 1896 fuhr das letzte Floß die Murg hinunter nach Steinmauern. 1923 wurde das Holzflößen auf der Murg offiziell untersagt. Hiermit endete ein uraltes Gewerbe, das einige Menschen reich gemacht hat und anderen einen gewissen Wohlstand gebracht hatte.


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