Hügelsheim

Hügelsheim um 1930 herum.

Machen wir eine Zeitreise zurück zum Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus. Auch damals gab es unseren Rhein schon, nur in anderer Form. Ein Fluss mit zahlreichen großen und kleinen Nebenarmen. An den Ufern fast undurchdringliche Wälder. Am sicheren Hochufer eines Flussarmes auf einer Lichtung hatten sich Menschen angesiedelt. Auf einem Stück gerodetem Land bauten sie Emmer, Gerste. Erbsen, und Saubohnen an. Auf den Wiesen sammelten sie Äpfel ein und vom wilden Wein stellten sie durch Vergärung ein berauschendes Getränk her. Fisch lieferte der Fluss und die Männer gingen zum Jagen in den Wald. Sie lebten in Pfostenhäusern, die aus lehmverschmierten Flechtwerkwänden bestanden und in ein Wohn- und Nebengebäude abgetrennt waren. Sie zerrieben das Getreide mit Mahlsteinen, gaben Wasser hinzu und formten daraus kleine Fladen die über dem Feuer gebacken wurden. Die Frauen besaßen bereits eine Spinnwirtel , verarbeiteten Rohwolle zu Fäden, um daraus Kleidung herzustellen. Die Männer hatten um die Siedlung eine Palisade gezogen um Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen vor Raubtieren wie Braunbär und Wildkatze zu schützen.

 

Zugegeben, es braucht schon etwas Fantasie und doch könnte es so gewesen sein. Vielleicht ist diese Schilderung gar nicht so unwirklich. Fast genau 1 km südwestlich der Dorfkirche von Hügelsheim liegt der Heiligenbuck. Ein Hügel, der sich etwa 3 m gegenüber den umliegenden Äckern erhebt. Ausgrabungen im Jahr 1880 durch den Großherzoglichen Konservator Ernst Wagner hatten den Beweis geliefert, dass es sich hier um ein hallstattzeitliches Fürstengrab mit Wagen-bestattung handelte. Es gab damals bereits unterschiedliche Sozialschichten. Die Bestattungen waren bei Personen höheren Ranges sehr aufwändig. In den Gräbern von Fürstinnen fand man oft Bernstein, Gold- und farbige Röhrenperlen, Bronzehalsschmuck und Armringe.  Drei weitere Grabhügel fand man im Hardtwald und auch dort wurden Funde gemacht die einen Siedlungsaufenthalt hier in Hügelsheim beweisen. Verschiedene Gegenstände, so auch eine hallstattzeitliche Armspange wurden beim Setzen von Erdbeerpflanzen gefunden. Sicher ist das eine oder andere Grab früher aus Unkenntnis bei der Feldarbeit eingeebnet worden. Die noch vorhandenen Grabbeigaben wurden verschleift wie die oben genannte Armspange.

 

Auch die Römer, die das rechte Rheinufer als absolute Wildnis bezeichneten, trauten sich dann 55 v. Chr. über die Fluten auf die andere Seite. Es gibt Darstellungen, die den Transport von Weinfässern auf dem Rhein bezeugen. Auf Hügelsheimer Gemarkung sind noch Teile eines Römerweges nach Sandweier nachzuweisen der im Luftbild betrachtet, exakt in Verlängerung der Hügelsheimer Römerstraße verläuft. Vielleicht erfolgte der Transport der Weinfässer genau auf dieser Straße nach Aquae (Baden-Baden) in die Soldatenbäder. Dann müssten die Weinfässer auch über die Römerbrücke gerollt sein, deren Naturstein-fundamente noch heute ein Brückenbauwerk tragen, das so mancher ahnungslose Wanderer und Radfahrer im Hügelsheimer Hardtwald überquert.

Die erste Erwähnung von Hügelsheim erfolgte urkundlich am 19. April 788 durch eine Schenkung die das Klosters Fulda erhielt.

 

Zahllose Kriege wurden im Rheintal ausgefochten und auch Hügelsheim wurde immer wieder in Mitleidenschaft gezogen. Sie alle hier aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Nach jedem Krieg war das Dorf bevölkerungsmäßig ausgeblutet. Nur zögerlich trauten sich die Menschen zurück und standen vor dem Nichts. Das Haus niedergebrannt, die Felder verwüstet, musste man wieder ganz von vorne beginnen. Aber nicht nur die Soldaten waren für das Dorf eine Gefahr, auch der wilde Fluss bedrängte Hügelsheim immer wieder. Deichbauten gab es bereits im Jahr 1558. Wahrscheinlich aufgrund des gewaltigen Hochwassers aus dem Jahr 1545. Damals wurde fast das gesamt Dorf weggeschwemmt, der Rest durch einen neuen Rheinarm weiter nach Osten verlegt. 1624 hatten die Bewohner das gleiche Problem. Das Dorf wurde wiederum verlegt. 1679 kam der Rhein dem Dorf wieder gefährlich nahe. Man behalf sich mit einem Durchschnitt auf der linken Rheinseite um den Fluss dort hin zu lenken. Nach jedem Hochwasser wurden aus den Rheindörfern Männer zu Frondiensten an den Rhein abkommandiert. Durchschnitte wurden angelegt, Holz wurde gehauen und Faschinen zugeschnitten. Über eine Reihe von Jahren hinweg versuchten die Menschen immer wieder verzweifelt ihr Hab und Gut zu retten, vor allen Dingen auch Äcker und angebaute Früchte. Denn diese sicherten den Lebensunterhalt.

 

„Wenn du Kartoffeln oder Spargel isst, schmeckst du den Sand der Felder und den Wurzelsegen, des Himmels Hitze und den kühlen Regen, kühles Wasser und den warmen Mist“. Diese Worte stammen von Carl Zuckmayer und passen sehr gut zu unserem Heimatdorf Hügelsheim. Bereits bei den Römern galt der Spargel als Gemüse- und Heilpflanze. Medizinisch wurde er zur Bekämpfung der Gelbsucht eingesetzt und weil  er als harntreibend und abführend galt. Beweisen kann man es nicht, aber vielleicht hatten bereits die Römer auf Hügelsheimer Gemarkung Spargelfelder angelegt.  Spargel ist  auch heute immer noch ein besonderer Genuss, da er in unserer Heimat nur in einer begrenzten Zeit zu haben ist. Am besten schmeckt er, wenn Schilder an der Straße verkünden, dass es hier frischen Spargel gibt. Er wurde dann am frühen Morgen oder am Abend zuvor gestochen, hat keine langen Transportwege hinter sich und enthält alle wertvollen Inhaltsstoffe.

 

Den Anbau hier in Hügelsheim haben wir dem 1942 verstorbenen Schwanenwirt Karl Wurz zu verdanken. Als Soldat 1893 eingesetzt im Offizierskasino in Colmar kam er in den Genuss dieser delikaten Gemüseart. Er kannte die wasserdurchlässigen leichten Sandböden seiner Heimat und versprach sich für die Bauern in Hügelsheim einen neuen Erwerbszweig. Seine Fantasie und Beharrlichkeit machten Hügelsheim zum Spargeldorf, den Spargel schlechthin zum „Spargelessen“ und das weit über die Landesgrenzen hinaus. Offiziere, Kurgäste aus Baden-Baden und andere Persönlichkeiten zog es in der Spargelzeit zahlreich nach Hügelsheim in den „Schwanen“ oder in den „Hirschen“. Diese Tradition hält auch bis heute an.

 

Bei der Zubereitung dieser Delikatesse sind der Fantasie keine Grenzen mehr gesetzt. Es geht aber nichts über das Originalrezept: Hügelsheimer Spargel mit Sauce Hollandaise. Dazu diesen luftigen Pfannkuchen dessen Rezept lange ein Geheimnis war und Schwarzwälder Schinken. Oder doch lieber neue Kartöffele und ein Kalbsteak zum Spargel? Die Entscheidung fällt oft schwer. Immer im Frühjahr wenn zahlreiche Erntehelfer in gebückter Haltung die Sandhügel nach Erdrissen absuchen ist klar: In Hügelsheim ist Spargelzeit.

 


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