Hügelsheim

Soe sieht es zur Spargelzeit in Hügelsheim aus. Unter der weißen Folie wird die Wärme im Boden gehalten.

Ein Weg durch die Geschichte

 

Die Ansiedlung wird erstmals im Jahr 788 erwähnt als Hughilaheim in einer Urkunde des Klosters Fulda. Der für die Merowingerzeit charakteristische Name deutet auf einen Personennamen hin, Heim des Hugiline, wie Hirschfeld es 1963 in seinem Buch „Die Kunstdenkmäler des Landkreises Rastatt“ beschreibt. Außer Frage steht, dass Ansiedlungen bereits oft schon lange, vor Nennung des Namens, in einer Urkunde bestanden haben. Völker kommen und gehen und hinterlassen ihre Spuren. Es sind Wasser, Wind und Erde, die diese Spuren unsichtbar machen. Beim Pflügen eines Ackers, bei der Verlegung einer Straße, oder bei der Erschließung von neuem Bauland stößt der Mensch oft auf Gegenstände einer längst vergangenen Zeit, auf Zeugen der Vergangenheit. Hier in Hügelsheim lässt sich eine Besiedlung bis zu 10 000 Jahren vor Christus nachweisen.

 

Als der Mensch noch Jäger und Sammler war, hatte er keine großen Ansprüche. Was er zum täglichen Leben benötigte war nicht viel. Wasser war wichtig, oder eine Höhle, um sich vor den wilden Tieren in Sicherheit bringen zu können und Wald, um auf die Jagd zu gehen. Mit dem Ende der Eiszeit ca. 9600 v. Chr. wurde das Klima wärmer und für Mensch und Tier gab es gravierende Veränderungen. Aus den zuerst offenen Landschaften, durchsetzt mit Heide und ausgedehnten Grasflächen, wurden allmählich Wälder, bestehend aus Eiche, Ulme und Erle, wobei die Linde dominierte. Ein Teil der Menschen zog mit den Ren- und Mammutherden in den Norden, die anderen blieben da und passten sich dem neuen Lebensumfeld an. Der Mensch wurde langsam sesshaft, baute sich Hütten, bearbeitete Ackerland und hielt sich Tiere. Vermutlich befand sich solch eine Ansiedlung im Bannwald von Hügelsheim, denn dort wurden Funde in Form einer Klinge, eines Nucleus, zwei Absplisse und neolithische Scherben aufgelesen.

 

Der nächste Fund in Hügelsheim wurde in die frühe Bronzezeit datiert. Der Wirt vom „Grünen Baum“, Franz Anton Fischer, fand auf seinem Acker beim Heiligenbuck so etwas wie eine Lanzenspitze/Dolchblatt. An der Seite waren Löcher vorhanden, also war dieses Dolchblatt an einem Griff befestigt. Wenn der Griff aus Holz bestanden hatte, so war es vergängliches Material und hat die Jahre nicht überstanden.

 

Große bedeutende Machtzentren der Kelten kennen wir um die Region Hohenasperg und die Heuneburg an der Donau. Bekannt sind u.a. auch der  keltische Grabhügel bei Villingen und das Fürstengrab von Kappel im Ortenaukreis. Aber auch der Landkreis Rastatt, genauer gesagt der Ort Hügelsheim, hat ein archäologisches Denkmal aus der Keltenzeit vorzuweisen. Etwa 1 km südwestlich von Hügelsheim erhebt sich zwischen Ackergelände ein etwa 3 Meter hoher Hügel, der einen Durchmesser von ca. 70 Metern hat. Zahlreiche Menschen fahren daran vorbei und haben keine Ahnung, dass diese kreisrunde Erhebung die Ruhestätte eines keltischen Fürsten ist. Das Gelände gehörte bis 1838 der Kirche und hat daher wohl den Namen Heiligenbuck.

 

Die Erforschung des Heiligenbucks haben wir Ernst Wagner zu verdanken, dem Sohn eines Stadtpfarrers aus Schwäbisch Gmünd. Er war von 1864 – 1875 Erzieher des Erbgroßherzogs und leitete dann die Großherzoglich-Badische Altertumssammlung. In dieser Funktion verschickte er um 1880 herum einen Fragebogen an Bürgermeister, Förster und an andere Personen von denen er annahm, Hinweise auf Geländedenkmäler zu erhalten. Aus diesen Rückantworten wurde er auch auf den mitten in der flachen Landschaft sich auffällig erhebenden Hügel in Hügelsheim aufmerksam.

 

Ernst Wagner besichtigte den Hügel erstmals im Jahr 1880 und entschloss sich dann zu einer Grabung. Vom 25. Oktober bis 10. November 1880 arbeiteten bis zu 24 Arbeiter am Heiligenbuck. Um den Mittelpunkt des Hügels ließ Wagner einen ringförmigen 2,50 m breiten Graben bis an den anstehenden Boden ausheben. Er fand eine zentrale Grabkammer, die in den Boden eingetieft war und aus Brettern bestanden hatte. Die Grabkammer war ursprünglich von einer Steinmauer umgeben. Leider waren hier schon Grabräuber am Werk gewesen und hatten sich bedient. Wagner fand nur spärliche Reste und Bruchstücke. Vorgefundene Fragmente ließen Wagner erkennen, dass es sich hier nicht um die Bestattung eines in niedriger Rangstufe gestandenen Kelten gehandelt haben kann. Er fand kümmerliche Reste eines vierrädrigen Wagens, einer Grabbeigabe wie sie nur Fürsten erhielten. Kleine Leder- und Gewebereste wiesen auf Zaumzeug hin. Reste von aufgenagelten Radreifen, bronzene Radnaben sowie Speichen lieferten einen sicheren Beweis für ein Fürstengrab. Einige Objekte aus dem Heiligenbuck zeigen Parallelen zu anderen frühkeltischen Fürstengräbern auf. Vom reichlichen Grabschmuck wie er in diesem Grab eigentlich vorhanden sein sollte war nichts mehr da. Wagner fand noch Teile einer Schlangenfibel, Teile von Bronzegeschirr und Bruchstücke eines Antennendolches. Die Grabräuber hatten ganze Arbeit geleistet. Im Umfeld des Heiligenbucks wurden nur noch kleine Bronzeblechreste und Gagatstückchen (fossiles Holz) gefunden. Aus Gagat wurde Schmuck hergestellt. Die Römer glaubten Gagat bewahre vor dem bösen Blick, vertreibe Schlangen und besiege die Epilepsie. Trotz der geringen Funde lässt sich das Grab zeitlich einordnen. Es muss zwischen 600 und 550 v. Chr. angelegt worden sein am Beginn der späten Hallstattzeit.

 

Ein weiterer Hügel in der ansonsten flachen Landschaft weckte Wagners Interesse. Er war etwa 800 Meter vom Heiligenbuck entfernt. 1881 wurde der Hügel von Wagner untersucht und seine Vermutung bestätigte sich. Gefunden wurden ein Bronzehalsring, Bernsteinperlen, drei Schlangenfibeln und ein goldener Armreif. Aus diesen Fundstücken lässt sich das Grab in die gleiche Zeit wie der Heiligenbuck einordnen. Leider wurde es ohne weitere Untersuchung beim Bau des Militärflughafens 1952 eingeebnet. Die Bestattungen waren bei Personen höheren Ranges sehr aufwändig. In den Gräbern von Fürstinnen fand man oft Bernstein, Gold- und farbige Röhrenperlen, Bronzehalsschmuck und Armringe. Es könnte das Grab einer Fürstin gewesen sein.

 

Doch Wagner machte noch einen Fund. Im Jahr 1884 untersuchte er drei kleinere Grabhügel im Bannwald und stellte fest, dass diese Hügel wohl vom 7. Bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. mehrfach als Bestattungsplätze benutzt worden sind. Verschiedene Gegenstände, so auch eine hallstattzeitliche Armspange wurden in Hügelsheim beim Setzen von Erdbeerpflanzen gefunden. Sicher ist das eine oder andere Grab früher aus Unkenntnis bei der Feldarbeit eingeebnet worden. Es gibt weitere Funde wie ein hallstattzeitliches Dolchmesser aus einer Kiesgrube bei Iffezheim, ein bronzene Schnabelkanne, sowie Einzelfunde von Scherben, die den Kelten zuzuordnen sind. Zählt man alle diese Funde zusammen, kann man eigentlich nur zu der Vermutung kommen, dass hier am Rhein eine größere keltische Siedlung bestanden haben muss. Dafür spricht auch die nahe Lage am Fluss und somit die günstigen Handelswege.

 

Jahrelang fristete der Heiligenbuck ein tristes Dasein. Sein ursprüngliches Erscheinungsbild war durch Büsche und Bäume nicht mehr erkennbar. Das Grab eines Keltenfürsten diente den Menschen als Aussichtspunkt auf die startenden und landenden Flugzeuge des NATO-Flugplatzes Söllingen. Das sollte sich im Jahr 2003 ändern. Das Landesdenkmalamt hatte vorgeschlagen, den Hügel völlig von Büschen und Bäumen zu befreien. Durch Aufschüttung sollte der ursprüngliche Zustand weitestgehend wieder hergestellt werden. Dies geschah mit Hilfe des Landesdenkmalamtes, der Baden-Airpark GmbH, der Baufirma Vogel, der Gemeinde Hügelsheim und dem Landkreis Rastatt. Den umlaufenden Graben den man früher einmal angelegt hatte, war durch Wind und Wasser wieder zugeschüttet worden. Ein Steinkreis um den Hügel zeigt heute den Menschen, dass es sich hier um etwas Außergewöhnliches handeln muss. Im Januar 2004 wurde dann eine Informationstafel aufgestellt. Sie erklärt dem Besucher welche Geschichte sich mit diesem Hügel verbindet. Eine Anerkennung an dieses archäologische Kleinod.

 

Machen wir nochmals eine Zeitreise zurück zum Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus. Auch damals gab es unseren Rhein schon, nur in anderer Form. Ein Fluss mit zahlreichen großen und kleinen Nebenarmen. An den Ufern fast undurchdringliche Wälder. Am sicheren Hochufer eines Flussarmes auf einer Lichtung hatten sich Menschen angesiedelt. Auf einem Stück gerodetem Land bauten sie Emmer, Gerste. Erbsen, und Saubohnen an. Auf den Wiesen sammelten sie Äpfel ein und vom wilden Wein stellten sie durch Vergärung ein berauschendes Getränk her. Fisch lieferte der Fluss und die Männer gingen zum Jagen in den Wald. Sie lebten in Pfostenhäusern, die aus lehmverschmierten Flechtwerkwänden bestanden und in ein Wohn- und Nebengebäude abgetrennt waren. Sie zerrieben das Getreide mit Mahlsteinen, gaben Wasser hinzu und formten daraus kleine Fladen die über dem Feuer gebacken wurden. Die Frauen besaßen bereits eine Spinnwirtel , verarbeiteten Rohwolle zu Fäden, um daraus Kleidung herzustellen. Die Männer hatten um die Siedlung eine Palisade gezogen um Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen vor Raubtieren wie Braunbär und Wildkatze zu schützen.

 

Auch die Römer, die das rechte Rheinufer als absolute Wildnis bezeichneten, trauten sich dann 55 v. Chr. über die Fluten auf die andere Seite. Es gibt Darstellungen, die den Transport von Weinfässern auf dem Rhein bezeugen. Auf Hügelsheimer Gemarkung sind noch Teile eines Römerweges nach Sandweier nachzuweisen der im Luftbild betrachtet, exakt in Verlängerung der Hügelsheimer Römerstraße verläuft. Vielleicht erfolgte der Transport der Weinfässer genau auf dieser Straße nach Aquae (Baden-Baden) in die Soldatenbäder. Dann müssten die Weinfässer auch über die Römerbrücke gerollt sein, deren Natursteinfundamente noch heute ein Brückenbauwerk tragen, das so mancher ahnungslose Wanderer und Radfahrer im Hügelsheimer Hardtwald überquert.

 

Zahllose Kriege wurden im Rheintal ausgefochten und auch Hügelsheim wurde immer wieder in Mitleidenschaft gezogen. Sie alle hier aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Nach jedem Krieg war das Dorf bevölkerungsmäßig ausgeblutet. Nur zögerlich trauten sich die Menschen zurück und standen vor dem Nichts. Das Haus niedergebrannt, die Felder verwüstet, musste man wieder ganz von vorne beginnen. Aber nicht nur die Soldaten waren für das Dorf eine Gefahr, auch der wilde Fluss bedrängte Hügelsheim immer wieder. Deichbauten gab es bereits im Jahr 1558. Wahrscheinlich aufgrund des gewaltigen Hochwassers aus dem Jahr 1545. Damals wurde fast das gesamte Dorf weggeschwemmt, der Rest durch einen neuen Rheinarm weiter nach Osten verlegt. 1624 hatten die Bewohner das gleiche Problem. Das Dorf wurde wiederum verlegt. 1679 kam der Rhein dem Dorf wieder gefährlich nahe. Man behalf sich mit einem Durchschnitt auf der linken Rheinseite um den Fluss dort hin zu lenken. Nach jedem Hochwasser wurden aus den Rheindörfern Männer zu Frondiensten an den Rhein abkommandiert. Durchschnitte wurden angelegt, Holz wurde gehauen und Faschinen zugeschnitten. Über eine Reihe von Jahren hinweg versuchten die Menschen immer wieder verzweifelt ihr Hab und Gut zu retten, vor allen Dingen auch Äcker und angebaute Früchte. Denn diese sicherten den Lebensunterhalt.

 

Dies war eine kurze Reise durch die Geschichte von Hügelsheim. Vieles wäre noch zu berichten gewesen, auch über die frühere große Bedeutung der Rheinschifffahrt, der Goldwäscherei am Rhein, oder über die Wölbäcker im Wald, doch wir wollen auch das heutige Hügelsheim nicht unerwähnt lassen. Es lebt sich gut in Hügelsheim. Der Ort hat dörflichen Charakter, man kennt sich, grüßt sich und schwätzt auch mal miteinander. Der Ort verfügt heute über eine gute Infrastruktur. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es im Ort nur einen Krämerladen. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Viehhaltung und die Viehzucht die Haupterwerbsquelle des Ortes, verlor dann aber zunehmend an Bedeutung. Kleine Handwerksbetriebe entstanden. Die Landwirtschaft wurde zum Nebenerwerb. Nach und nach siedelte sich an, was der Mensch so braucht: Arzt, Zahnarzt, Apotheke, Bäcker, Metzger, Lebensmittelläden und Handwerksbetriebe aller Art. Die Gastronomie ist mit den Traditionsgasthäusern Hirsch und Grüner Baum gut vertreten. Zahlreiche Vereine bieten vielfältige Betätigungsmöglichkeiten an und es ist für Jeden etwas dabei. Auch ältere Menschen werden nicht alleine gelassen. Man nimmt auch die soziale Fürsorge sehr ernst.

 

Und auf die Frage, warum Hügelsheim weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, gibt es nur eine Antwort: Der Spargel. Und auch heute gilt noch:

„Wenn du Kartoffeln oder Spargel isst, schmeckst du den Sand der Felder und den Wurzelsegen, des Himmels Hitze und den kühlen Regen, kühles Wasser und warmen Mist“. (von Carl Zuckmayer)

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"Tribunal Général"

Das Buch zu den Rastatter Prozessen von 1946 bis 1950

Autorin:  Eva-Maria Eberle

Verlag:  Klöpfer, Ottersweier


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